— Jo Dethlefs

Schwarzarbeit und Geheimdienstskandale


Dragutin Lucic, Präsident der Croatian Journalists Association, im Interview über den Journalismus in Kroatien.

Was können westliche Journalisten von ihren kroatischen Kollegen lernen?
Wir waren für fünf Jahre im Krieg. Außerdem gibt uns unsere geografische und politische Position die Möglichkeit, viele Aspekte Osteuropas besser zu verstehen. Hinzu kommt, dass die guten Eigenschaften des westlichen Journalismus ihren Niedergang erlebt haben, nachdem die großen Firmen die europäischen und amerikanischen Medien übernommen haben.

Was meinen Sie damit?
Ich spreche vom Einfluss der Finanz-Lobby auf die Medien, wie es ihn im gesamten Europa gibt. Ich spreche über ethische Probleme, die auch Problem der europäischen Medien geworden sind, sowie das Recht der freien Meinungsäußerung und die schwierige Lage der Freien Journalisten.

Wie sind die Bedingungen für freie Journalisten in Kroatien?
Der Markt ist klein. Es gibt viel Konkurrenz und Probleme mit der Bezahlung.

Gerüchte sprechen von einem Schwarzmarkt für freie Journalisten?
Ja. Das Problem sind die Besitzer der lokalen Medien, die sich gegen Veränderungen sperren. Ich schätze, dass 30 bis 40 Prozent der 10000 kroatischen Journalisten ohne Vertrag und rechtliche Absicherung arbeiten.

Was unternehmen Sie dagegen?
Wir kämpfen dagegen, engagieren uns bei Politikern und Unternehmern. Wir haben gerade ein neues Gesetz über freien Journalismus erreicht. Aber wir mussten schrittweise vorgehen: Die letzten Jahre haben wir darum gekämpft, den Einfluss der Politik auf die Medien zu beschränken.

Ist dies gelungen?
Ja, heute haben die Bürger die eigentliche Macht im Land zum Beispiel vertreten durch Menschenrechtsgruppen wie das Helsinki Kommitee oder Amnesty International. Gerade erst haben wir nach einem langem Rechtsstreit erreicht, dass der Leiter des staatlichen Geheimdienstes Protuobavjestanje agencije (POA) entlassen worden ist, nachdem seine Agenten die Journalistin Helena Puljiz unter Druck gesetzt haben. Dies ist ein Beispiel dafür, dass die Demokratie in diesem Land funktioniert.

Was steht als nächstes auf Ihrer Liste?
Aktuell konzentrieren wir uns auf die Ausbildung in ethischen Fragen. Außerdem wollen wir so etwas wie den Deutschen Presserat in Kroatien schaffen.

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Joachim Dethlefs. Erschienen im November 2005 in Ausgabe 4 vom Medienmagazin Berliner Journalisten.

Hintergrund: Dragutin Lucic, Jahrgang 1948, Journalist und Buchautor, studierte politische Wissenschaften und Philosophie. Seit 15 Jahren ist er Redakteur der kroatischen Nachrichtenagentur HINA. Seit sechs Jahren ist er Präsident der Genossenschaft Croatian Journalists Association (CJA). Davor war er drei Jahre Präsident der Gewerkschaft Trade Union of Croatian Journalists, die eng mit der CJA kooperiert. Beide Organisationen sind Mitglieder derEuropean Federation of Journalists und International Federation of Journalists.

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