Realisitischer Pessimismus
July 22nd, 2007
Serbien – Fünf Jahre nach der gewaltfreien Revolution
Es waren Studenten, die vor einem halben Jahrzehnt in Serbien mit kreativen und engagierten Protesten die Grundlage für die gewaltfreie Absetzung von Slobodan Milosevic legten. Doch vom Geist des 5. Oktober 2000, der später weltweit Pate für friedliche Revolutionen in Georgien, Kirgistan und der Ukraine stand, ist in Serbien mittlerweile nur noch wenig zu spüren.
“Seinerzeit war es einfach, etwas zu erkennen, für das es Wert war, zu kämpfen. Es war ein ziemliches Schwarz-Weiß-Bild.” Tanja Azanjac hat selber noch unter dem Milosevic-Regime ihr Psychologiestudium beendet, sämtliche Proteste und Demonstrationen hautnah mitbekommen. Heute arbeitet die 32-Jährige bei der serbischen Nichtregierungsorganisation “Civic Initiatives” zur Förderung von Demokratie und ziviler Bildung und erlebt ein gänzlich anderes Bild als im Vorfeld der friedlichen Revolution. “Die Politik der letzten Jahre hat in den Jugendlichen die generelle Meinung geweckt, nichts mehr damit zu tun haben zu wollen.”
Stattdessen versuchen die Studenten, irgendwie über die Runden zu kommen. So wie Jan Krasni, Germanistikstudent im dritten Semester. Der 21-Jährige hofft, später einmal im kulturellen Bereich arbeiten zu können. Er möchte gerne etwas mit Theater, Literatur oder Musik machen, aber: “In Serbien Realist zu sein, heißt Pessimist zu sein.” Fürs erste lebt Jan noch bei seinen Eltern – genau wie Jelena Vasiljevic. Die 23-Jährige steht am Ende ihres Ethnologie-Studiums. Ihre guten Noten verhalfen ihr nicht nur zu einem Stipendium vom Bildungsministerium, sie macht sich Hoffnungen machen, nach ihrem Abschluss eine Arbeitsstelle an der Uni zu ergattern. “In Serbien können sich die meisten Studenten nicht allein finanzieren – außer sie gehören zu den seltenen Fällen, in denen die Familie genug Geld besitzt, um ihren Kindern eine eigene Wohnung zu zahlen.” Wer zu Hause wohne, könne mit ungefähr 200 Euro monatlich auskommen. Doch auch dafür müssen viele Studenten arbeiten. Nur: Nebenjobs nach deutschem Vorbild gibt es kaum. Also blieben nur niedriger qualifizierte, schlechter entlohnte Jobs als Kellner oder Verkäufer, die viel Zeit in Anspruch nehmen. “Aber generell”, so ist Jelenas Eindruck, “leben die Menschen in Serbien und damit auch die Studenten heute besser. Dank ausländischer Banken ist es viel leichter geworden, Kredite aufzunehmen. Und durch eine Liberalisierung des Marktes und konkurrierende Marken sind die Preise gesunken.”
Erwartungen sind unerfüllt geblieben
Ansonsten sind die hoch gesteckten Erwartungen der Bürger nach der friedlichen Revolution vor fünf Jahren weitestgehend unerfüllt geblieben. Der “6. Oktober”, so eine häufige Formulierung, hat nicht stattgefunden. Das Regierungsbündnis zerfleischte sich in zahllosen Kompromissen. Der Ärger in der Bevölkerung wuchs, als viele als kriminell bekannte Persönlichkeiten der Milosevic-Ära auch weiterhin auf ihren Posten blieben. Die Auslieferung von Milosevic und anderen Serben an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag wurde zum ständigen Streitthema innerhalb der Regierung. Der größte Schock für die Bevölkerung folgte am 12. März 2003 mit der Ermordung des prowestlichen Ministerpräsidenten und Hoffnungsträgers Zoran Djindjic. Als dann im Herbst 2003 die Regierungskoalition auseinander brach, begann eine Zeit politischer Instabilität, bei der sogar die Präsidentenwahl mehrmals aufgrund zu geringer Wahlbeteiligung wiederholt werden musste.
Aus diesen Erfahrungen speist sich die Politikverdrossenheit, die Tanja und ihre Mitstreiter von “Civic Initiatives” auf breiter Front mit Seminaren und Aktionen bekämpfen. Doch sehe sie auch ein großes Generationenproblem. Jede politische Gruppierung würde mit Jugendlichen arbeiten wollen, aber niemand wolle sie wirklich teilhaben lassen. “Jedes Mal wenn wir an einen Punkt kommen, an dem gemeinsame Entscheidungen angebracht wären, an dem den jungen Menschen die Chance gegeben werden sollte, das Gelernte anzuwenden, gibt es Probleme.” Und die meisten jungen Politiker, die im Zuge der Demokratisierung in verantwortungsvolle Regierungs- und Verwaltungspositionen gelangten, haben diese in diesen Regierungswechseln bereits wieder verloren.
Auch die Politikerin Rebeka Bozovic kann den Frust der jungen Generation gut verstehen. Die heute 32-Jährige etwa war nach ihrem Studienabschluss für zweieinhalb Jahre stellvertretende Vorsitzende der Stadtversammlung von Belgrad. Doch sie will sich auch weiterhin engagieren, weil sie bis tief in ihr Innerstes ein politischer Mensch sei. Entsprechend gerne denkt sie an den 5. Oktober 2000 zurück. “Wenn mir jemand sagen würde, dass ich noch einmal in meinem Leben diese Energie miterleben dürfte, würde ich nur noch für diesen Moment leben.”
Die Opposition im Aufwind
Da ist sie wieder, die Begeisterung, die seinerzeit die geschätzte Zahl von einer Million Demonstranten die Straßen der Hauptstadt füllen ließ. Nach und nach besetzten sie die strategisch wichtigen Gebäude, stürmten das Parlament und beendeten die Ära von Slobodan Milosevic. Zuvor hatten bereits 1996 und 1997 vor allem Studenten monatelang gegen die serbische Regierung protestiert. Die Aktionen scheiterten jedoch an der Zerstrittenheit der Opposition. Doch der Widerstand riss nicht ab, immer mehr Gruppen und Organisationen schlossen sich an. Vor allem die öffentlichkeitswirksamen Aktionen der von Studierenden mit getragenen Bewegung “Otpor” (“Widerstand”) blieben den Serben bis heute in Erinnerung: So gab es Tage, an denen sich die Menschen gemäß einer Absprache aus Protest verkleideten. Ein anderes Mal lehnten sich die Bürger während der von Propaganda geprägten staatlichen Abendnachrichten aus ihren Fenstern und trommelten auf Kochtöpfen.
“Wichtigstes Ziel der ersten Jahre war es, den Bürgern zu vermitteln warum sie unter Slobodan Milosevic ein schlechtes Leben führten.” Der Journalist und Familienvater Goran Daskovic aus Valjevo war damals als Sprecher von Otpor für das westliche Serbien aktiv. Besonders markant waren die unzähligen Graffiti, die noch heute an vielen serbischen Hauswänden an jene Zeit erinnern. Der Name der Bewegung ist dabei genauso zum Markenzeichen geworden wie das Bild einer geballten Faust und der Spruch “Gotov je!”, was soviel bedeutet, wie “Er ist fertig!” und oft zusammen mit dem Antlitz von Milosevic zu sehen war. Letztendlich hat die kontinuierliche politische Aufklärung ihre Wirkung nicht verfehlt. “Am Ende haben die Leute sich nicht mit “Guten Tag” oder “Guten Abend” gegrüßt, sondern mit erhobener Faust, dem Symbol des Widerstandes.” Kein Wunder, dass das Symbol auch bei anderen friedlichen Revolutionen, etwa in Georgien, exportiert wurde – und die serbischen Otpor-Bewegung dabei als Ratgeber fungierte.
Katastrophale Studienbedingungen
Am Ende der Milosevic-Ära waren es jedoch auch die katastrophalen Studienbedingungen, die die Studenten auf die Straße trieben. “An den Universitäten in Belgrad gab es zum Beispiel so gut wie keine Computer”, erinnert sich der frühere Otpor-Sprecher Daskovic. An der Technischen Fakultät hätte jegliches Übungsmaterial gefehlt. Hinzu kamen Gesetze und Dozenten aus sozialistischer Zeit, die das sture Auswendiglernen von Inhalten verlangten und versuchten, eine kreative Auseinandersetzung zu unterbinden. Dies habe sich mittlerweile deutlich geändert, so Ethnologie-Studentin Jelena. Insgesamt habe sie den Eindruck, das Serbien inhaltlich auf jeden Fall mit den westeuropäischen Universitäten Schritt halten könne. Nur die finanzielle Ausstattung sei allgemein noch sehr schwach. Verantwortlich dafür sei ein autonomes System der Budgetierung, bei dem die Höhe der staatlichen Zuwendungen jeder Fakultät abhängig von der Zahl ihrer Studenten sei. So bleibt Jelenas Studenten im Gegensatz zu ihren Kommilitonen aus anderen Ländern, die zwecks Feldforschung in andere Länder reisen, nur eine Fahrt in die ländlichen Gebiete ihres eigenen Staates.
Das mag sich allerdings schon bald ändern. Student Jan hofft auf die EU, sieht sie aber eher als eine “Frage der Zukunft.” Immerhin sei es in den letzten Jahren bereits einfacher geworden, ins Ausland zu reisen. Und dabei glaubt er bemerkt zu haben, dass sich dank des 5. Oktober 2000 das Ansehen der Serben in der Welt verbessert habe. Auch Jelena hofft, dass bei einer Mitgliedschaft Serbiens in der Europäischen Union vieles einfacher werde. “Auf Dauer ist das die einzige Lösung.”
Von Joachim Dethlefs / Erschienen in der Ausgabe 10/2005 von Unicum. Hier der Link zum Originalartikel.