— Jo Dethlefs

“Es ist niemals zu spät für Versöhnung”

In Bosnien soll eine Kommission die Verbrechen des Krieges aufarbeiten

Angesichts des zehnten Jahrestages der Friedensverträge von Dayton richten sich die Augen der Welt erneut auf Bosnien und Herzegowina. Genau eine Dekade ist seit Ende des Krieges in dem kleinen Balkanstaat vergangen. Doch Misstrauen und Hass zwischen den überwiegend katholischen Kroaten, christlich-orthodoxen Serben und muslimischen Bosniaken sind größer denn je. Wie lässt sich Versöhnung in einem Land erreichen, in dem vor einem Jahrzehnt noch Krieg zwischen den Bewohnern herrschte?

Im Jahr 2000 haben sich diese Frage auf einer Konferenz in Sarajevo Vertreter von fast hundert Nichtregierungsorganisationen gestellt. Ihre Antwort ist das Konzept einer Kommission für Wahrheit und Versöhnung für Bosnien und Herzegowina gewesen, ähnlich der Vorbilder in Südafrika oder El Salvador.

Die Kommission soll mit einer Struktur von 13 regionalen Büros im gesamten Staat Erlebnisse von Bürgern zu Zeiten des Krieges aufzeichnen und auswerten. Die Anhörungen sollen öffentlich und frei zugänglich sein. Das Konzept von 2003 spricht eine deutliche Sprache: “Wenn die bosnische Gesellschaft sich tatsächlich selbst erneuern soll, müssen die Bürger nicht nur von den Verbrechen erfahren, sondern auch von all dem Potential für das Gute und die Brüderlichkeit inmitten von Barbarei und Wahnsinn.”

“Bürgervereinigung für Wahrheit und Versöhnung”

Schon früh habe eine enge Absprache mit dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag stattgefunden, deren Vertreter der bosnischen Initiative zuerst skeptisch gegenüberstanden. “Sie dachten, sie sorgen für Gerechtigkeit und dann käme automatisch die Versöhnung.” Jakob Finci ist Vorsitzender der Bürgervereinigung für Wahrheit und Versöhnung. Er sieht klare Unterschiede zwischen er juristischen Verfolgung von Straftätern in Den Haag und der Möglichkeit vor der Kommission, sich auf moralischer Basis mit den Geschehnissen des Krieges zu beschäftigen. Aktuell sind vor dem Strafgerichtshof in Den Haag 161 Personen angeklagt, die Zahl der gehörten Zeugen wird vorrausichtlich 1.000 nicht überschreiten. Die Kommission für Wahrheit und Versöhnung soll dagegen innerhalb von 18 Monaten bis zu 7.000 Bürgern eine Stimme geben. Weiterhin solle sie die Arbeit der Medien analysieren und die Rolle der religiösen Gemeinschaften während des Krieges, genauso wie die Einstellungen der politischen Parteien und die tatsächlichen Folgen des Engagements der Internationalen Gemeinschaft. Mindestens genauso ambitioniert und umfangreich wie die Aufgabenbeschreibung der Kommission sind die Auflagen an ihre sieben Mitglieder. Diese müssen nicht nur glaubwürdig sein, sondern auch die fast unmögliche Bedingung erfüllen, von allen Volksgruppen Bosniens gleichzeitig akzeptiert zu werden. Jakob Finci ist zuversichtlich und erinnert an die Geschichte von Sodom und Gomorrha aus dem Alten Testament. “Wenn es in ganz Bosnien keine sieben Menschen geben sollte, die für die Kommission geeignet wären, wie sollte dann die Zukunft dieses Landes aussehen?”

Ohne Versöhnung keine Mitgliedschaft in der EU

Der Auswahlprozess solle umgehend nach der Verabschiedung eines Gesetzes zur Einrichtung der Kommission beginnen. Doch genau daran hapert es. Bereits seit 2003 steht das Konzept – bis heute ist nichts passiert. Er habe unbestätigte Informationen, so Jakob Finci mit unerschütterlichen Optimismus, dass das Ministerium für Menschenrechte nach der längeren Wartephase nun schon bald die Einrichtung der Kommission im Parlament vorschlagen werde. Sorgen mache er sich allerdings wegen der bevorstehenden Wahlen im Oktober 2006. Anstelle die offizielle Wahlkampfphase von zwei Monaten zu beachten, würden erfahrungsgemäß bereits ein Jahr zuvor viele Politiker damit beginnen, auf ihre Wiederwahl hinzuarbeiten. Und in der relativ streng getrennten ethnischen Parteienlandschaft Bosniens bedeute dies nichts gutes für ein von der Zustimmung aller Seiten abhängiges Projekt wie die Kommission für Versöhnung und Wahrheit. “Laut der merkwürdigen Mentalität in dieser Region wird der Wille zur Vergebung nicht als besondere Stärke sondern als Schwäche ausgelegt.”

Anderseits seien die Signale des Westens absolut klar. “Ohne Versöhnung, ohne Vergebung wird es sehr schwer werden, Mitglied von Europa zu werden.” Jakob Finci lobt die Unterstützung seiner Initiative durch den Westen, vor allem durch die deutsche Politik. Sowohl auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung wie auch der Partei “Die Grünen” habe er in den letzten Jahren nach Deutschland reisen und dort seine Ideen präsentieren können. Definitiv sei er enttäuscht über die bis jetzt verstrichene Zeit. Natürlich sei es besser, etwas direkt am Anschluss an die Geschehnisse zu erreichen. Aber dann spricht er mit einem zuversichtlichen Lächeln davon, dass gerade jetzt die richtige Zeit gekommen sei, um ernsthaft in Bosnien an diesem Thema zu arbeiten. Zehn Jahre nach dem Krieg hätten die Menschen einerseits einen gewissen Abstand zur Geschichte gewonnen, anderseits seien aber die Erinnerungen noch frisch. “Es ist niemals zu spät für Versöhnung.”

Von Joachim Dethlefs / Erschienen in der Ausgabe 5/2005 von “Zivil – Zeitschrift für Frieden und Gewaltfreiheit”

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