— Jo Dethlefs

Ein Dickkopf und der Glaube an eine bessere Welt


Dieser Artikel ist einer Gruppe und ihren Leistungen gewidmet, die in der westlichen Wahrnehmung
sonst so gut wie keinen Platz findet: den Jugendlichen in Südosteuropa.

Natürlich gibt es Programme, Projekte und Wettbewerbe, um den Nachwuchs der angesprochenen Region zu fördern. Natürlich sind inzwischen bei fast jedem Jugendkongress und internationalem Projekt auch Mädchen aus Zagreb oder Ljubljana, Jungen aus Belgrad oder Sarajevo vertreten. Bei Lichte besehen ist jedoch die Zahl derjenigen, die von diesen Förderungen tatsächlich direkt profitieren, immer noch gering und auch die Kongressteilnehmer bilden in ihren Ländern eine Ausnahmegruppe.

Normalfall Weltoffenheit?

Bei uns sind Klassenfahrten nach Paris oder Rom der Normalfall, in Bosnien und Serbien nicht. Dies hat sowohl finanzielle Gründe als auch politische, da es oft Wochen braucht, um die nötigen Reisedokumente zu erhalten – wenn man sie denn erhält. Natürlich geht es etwas leichter, wenn Verwandte, Freunde oder eifrige Kongressorganisatoren im Ausland mit Papierwerk und Bürgschaften helfen. Doch solche Verwandten hat eben nicht jeder und auch zu Kongressen und Camps fahren nur die wenigsten. Wie schwer ist es da gerade für Heranwachsende ein weltoffenes Bewusstsein zu entwickeln, wenn sie selbst keine Gelegenheit haben, ins Ausland zu fahren und andere Orte nur aus Büchern, Fernsehen und Internet kennen?

Selbstverständlich muss zwischen den einzelnen Ländern der Region unterschieden werden. So haben es beim Beispiel der Auslandsreisen die kroatischen Jugendlichen leichter. Sie können sich dank Sonderregelungen seit Jahren ohne Visum frei durch Europa bewegen. Doch auch wenn es ihnen zudem noch finanziell etwas besser gehen mag als ihren direkten Nachbarn, kennen sie ebenso den alltäglichen Kampf ums Überleben gegen kafkaeske Zustände in Behörden und Politik.

Alltägliche Korruption

In unseren Breitengraden existiert weder für diese Jugendlichen noch für ihr Leben oder ihre täglichen Probleme ein Bewusstsein. Das ist bedauerlich. Denn gerade in den westlichen Industriestaaten könnte man viel von den südosteuropäischen Altersgenossen lernen. Wir sollten uns von dem Bewusstsein verabschieden, das Verhältnis der europäischen Staaten zu unseren südöstlichen Nachbarn wäre eine Einbahnstraße, bei der nur wir etwas zu geben hätten. Leider neigen wir dazu, auch im Ausland Sachverhalte mit den uns aus unserer eigenen Umgebung bekannten Maßstäben zu bewerten. Und das kann hier nicht funktionieren.

So sind wir in einem Rechts- und Wertesystem aufgewachsen, in dem sich das Ehrlichsein bereits deswegen lohnt, weil unehrliches Handeln in der Regel unabwendbare juristische Folgen nach sich ziehen kann. Wie können wir nun das Verhalten eines jungen Menschen bewerten, in dessen Lebenswelt sich manche Positionen, Vorzüge und Waren fast nur über persönliche Kontakte oder Bakschisch erhalten lassen? Wer sich in der Region bewegt (und die Augen nicht zukneift), stößt noch heute jeden Tag mehrmals auf die sogenannten “Gefälligkeiten”, die alltägliche Korruption. Ich habe persönlich mehrere Male miterlebt, wie Jugendliche sich gegen solche Mechanismen gestellt und dafür bewusst Nachteile in Kauf genommen haben.

Die wahren Helden

Ich widme diesen Text deswegen der viel zu großen Gruppe derjenigen Jugendlichen, die ihr eigenes Land nur selten oder noch nie für eine Reise verlassen konnten. Ich widme ihn allen, die mit ihrer ganzen Familie im Monat von dem leben, was ein deutscher Sechzehnjähriger neben der Schule beim Jobben verdient. Ich widme ihn allen, die für die einfachsten bürokratischen Vorgänge stundenlang in Schlangen anstehen, um dann wegen Lappalien auf den nächsten Tag vertröstet zu werden. Ich widme ihn allen, die täglich in Medien und Werbung mit Konsumartikeln konfrontiert werden, die sie sich selbst nie leisten könnten. Ich widme ihn allen, die in dem Wissen in Arztpraxen warten, dass sie sich oder ihren nächsten Familienangehörigen nicht die optimale Behandlung zuteil werden lassen können, da dies in der Region leider noch immer eine Frage des Geldbeutels ist.

Die wahren politischen Helden in Südosteuropa marschieren für mich nicht mit einer Fahne am Kopf einer Demonstration oder halten bewegende Reden. Nein, es sind die einfachen Jugendlichen abseits des Rampenlichts, die instinktiv Gastfreundschaft und Toleranz zeigen, ohne sie selbst zuvor im Ausland miterlebt zu haben, sowie diejenigen, die jeden Tag aufs Neue versuchen, ohne den Einsatz von Schmiergeld und Kontakten ihr Leben zu meistern. Sie kämpfen ihren einsamen und langwierigen Kampf, ohne dafür ein Lob zu erhalten. Wenn sie dann nach Hause gehen und wissen, dass sie nun wieder mal ein paar Wochen länger auf irgendeinen Stempel warten müssen, bleibt ihnen als Antrieb nichts als ihr Dickkopf und ihr Glauben an eine bessere Welt. Und genau dieses beides sollten wir fördern.

Von Joachim Dethlefs / Erschienen im Januar 2008 in Treffpunkt.Europa, dem Magazin der Jungen Europäischen Förderalisten. Das Heft, in dem auch eine größere Anzahl meiner Bilder Verwendung gefunden hat, gibt es hier frei zum Download.

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