Behindertensportfest in Husum

July 22nd, 2007

Endlose Waldläufe, halsbrecherische Übungen auf dem Stufenbarren – Meist denken ehemalige Schüler mit Grauen an ihren Sportunterricht zurück. Ganz anders ist dies bei geistig oder körperlich behinderten Menschen, die die regelmäßige Betätigung brauchen, um vorhandene Fähigkeiten zu erhalten und neue zu erlangen. Dies wurde auch jüngst in Husum deutlich, wo die ansässigen Behindertenwerkstätten ein Spiel- und Sportfest für besonders schwache Athleten aus Einrichtungen in Flensburg, Schleswig, Aukrug und Pinneberg ausrichteten.

“Hinter dem Fest steht die Grundidee”, so Organisatorin Britta Cornehl-Nicol, “dass auch die Schwächeren eine Chance erhalten sollen, ohne Leistungsdruck den Spaß am Erleben zu empfinden.” In den vergangenen Jahren hätten sich viele Veranstaltungen im Behindertenbereich etabliert, wie zum Beispiel die Landesmeisterschaften im Schwimmen oder Fußball. Doch die Menschen, die in Husum zusammen kamen, sind nicht in der Lage, an derart großen Wettkämpfen teilzunehmen. Sie haben zu starke körperliche Schäden, leiden unter Autismus oder sind blind.

Ohne Druck und unter ständiger Aufsicht konnten sie beim Sportfest verschiedene Gerätschaften ausprobieren, die in der Halle aufgebaut waren. Dazu zählten mehrere Schaukeln und ein Erlebnisparcours, den sie barfuss begehen mussten, um die zahlreichen Besonderheiten am Boden ertasten zu können. Geschick und Gleichgewichtssinn waren bei einer Konstruktion gefragt, bei der eine normale Sitzbank mittels mehrerer Hüpfseile in einen Stufenbarren gehängt worden war. Nacheinander tasteten sich die Teilnehmer vorsichtig im Watschel-schritt auf der Bank entlang. Weniger kühne Charaktere zogen es vor, das Hindernis kriechend zu überwinden.

Eine wahre Mutprobe stellte die Fliesenrutsche dar, bei der es galt, sich auf Teppichstücke zu setzen und ein paar schräg angebrachte Bänke hinunter zu rutschen, um am unteren Ende sanft auf einer Matte zu landen. Entspannung und Ruhe gab es auf dem so genannten “Traumschiff”, einer großen dicken Matte, die auf einem Dutzend Medizinbällen lag und von einem Betreuer langsam hin und her bewegt wurde. Noch mehr Erholung gab es in einer eigens eingerichteten Kuschelecke aus Matten und Decken, in der sich die Teilnehmer auch mit Noppenbällen gegenseitig massieren konnten.

Als alle Geräte ausgetestet waren, folgten ein paar Gruppenspiele. Sowohl beim Staffellauf, als auch beim Umgang mit einem großen Schwungtuch und beim gemeinsamen Rollbrett-Fahren stand die gute Laune im Vordergrund. Zur besonderen Motivation gab es abschließend für alle eine spezielle Urkunde als Anerkennung.
Der 29-jährige Teilnehmer Stefan von den Pinneberger Eichenkamp Werkstätten für Behinderte genoss sichtlich den Kontakt mit Gleichartigen aus ganz Schleswig-Holstein. Am besten hatte dem rothaarigen Brillenträger eine abschließende Entspannungsübung gefallen, bei der zu ruhiger Musik in der abgedunkelten Halle jeweils ein Teilnehmer auf einer Matte lag und sich von seinem Partner behutsam mit Bierdeckeln belegen lies. “Ich habe dabei aber am liebsten die liegende Rolle eingenommen”, gesteht Stefan. Lächelnd erzählt er, dass er sich so gut entspannen konnte, dass er aufpassen musste, nicht einzuschlafen.

“Grundsätzlich haben wir im Behindertensport alle Möglichkeiten, die normale Leute auch haben”, erklärt Cornehl-Nicol. “Wir müssen oftmals einfach nur die Regeln und Bedingungen leicht anpassen.” Auf jeden Fall sei es wichtig, nicht auf große Leistungen zu drängen. “Einen gewissen Druck machen sich die Leute schon selber.” Die Stelle als Sportlehrerin im Behindertenbereich ist für Cornehl-Nicol mehr Berufung als Beruf. “Ich habe diesen Sektor damals gewählt, weil es eine große Herausforderung für mich war.” Natürlich sei es ein großer Unterschied gewesen, vom hohen Leistungsniveau im Alltagssport zur Einzelförderung, doch sie habe das Gefühl, bei letzterem bekomme sie von den Menschen viel mehr und viel deutlicher zurück, als anderswo. “Die Begeisterungsfähigkeit von Behinderten beeindruckt mich immer wieder aufs neue.”

Sie und ihre Kollegen wollen auf jeden Fall weitermachen und in der Gesellschaft und Politik größere Akzeptanz für ihre Arbeit erlangen. “Es müssten mehr geeignete Sporthallen und Fitnessräume gebaut und mehr Therapiestunden bewilligt werden”, so Cornehl-Nicol. “Dann könnten auch die gesetzlich vorgeschriebenen zwei wöchentlichen Sportstunden für jeden Beschäftigen einer Behindertenwerkstatt Realität werden.” Ein großer Wunsch von ihr sei ebenfalls die verstärkte Integration von Behinderten in öffentlichen Sportvereinen. Solange dies aber eine seltene Ausnahme bleibt, ist der Sportunterricht in den Werkstätten für die Menschen meist die einzige Möglichkeit, sich körperlich zu betätigen. Diese Situation verleiht einer Aktion wie dem Sportfest in Husum natürlich noch einen viel größeren Wert, als sie ohnehin schon hat. Die Behinderten unterstrichen dies: Bereits eine halbe Stunde nach der Ankunft wurde ein Sportlehrer zum ersten Mal von einem seiner Schützlinge gefragt. “Nimmst du mich nächstes Jahr wieder mit?”

Von Joachim Dethlefs / Erschienen im Juni 2001 in “Zivildienst“.



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